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Wie souverän sind unsere Lieferketten eigentlich noch?

loading="lazy" width="400px">Abhängigkeiten in der Lieferkette gibt es auch im digitalen Umfeld. Ein Clean-Core-Ansatz hilft, aber es bleiben Risiken.Image Flow – shutterstock.com



Wie schnell sich Krisen auf globale Lieferketten auswirken können, zeigte sich in den letzten Monaten immer wieder. Dabei sind Krisen an sich kein neues Phänomen. Ein Novum ist jedoch die Wucht, mit der diese Unternehmen treffen – in Beschaffung, Produktion und Wertschöpfung.



Der Grund dafür liegt in der engen Verflechtung von Politik und Wirtschaft. Geopolitische Entscheidungen bleiben heute nicht mehr auf die Ebene internationaler Beziehungen beschränkt, sondern beeinflussen Lieferketten direkt: Handelsbeschränkungen, Sanktionen und entsprechend angepasste Transportrouten verändern Materialflüsse und Beschaffungsprozesse unmittelbar.



Geopolitik und ihre Wirkung auf Lieferketten



Besonders deutlich werden diese Auswirkungen in der diskreten Fertigung, zum Beispiel in der Automobilindustrie. Denn hier lassen sich Lieferanten nicht kurzfristig austauschen. Viele Unternehmen arbeiten mit langjährigen, ausgewählten Partnern. Komponenten entstehen in gemeinsamer Entwicklung und werden oft ausschließlich von einem Lieferanten bezogen.



Das hat berechtigte Effizienzgründe, wird in Krisenzeiten aber zum Risiko. Fällt ein Lieferant weg, etwa durch unterbrochene Handelswege oder geopolitische Entscheidungen, geraten ganze Wertschöpfungsketten unter Druck. Alternative Bauteile müssen erst entwickelt, qualifiziert und getestet, neue Lieferanten auf die Einhaltung regulatorischer Vorgaben – etwa des Lieferkettensorgfaltspflichtengesetzes (LkSG) –  geprüft werden. Das dauert und schlägt sich direkt in der Produktionsplanung, der Materialverfügbarkeit und letztlich in den Kosten nieder.



Eine Single Source zu haben, ist nicht per se problematisch, solange Unternehmen ihre Abhängigkeit kennen und aktiv steuern. Das bedeutet:




Kritische Materialien oder Komponenten im Blick zu haben,



alternative Bezugsquellen frühzeitig zu identifizieren und zu validieren, sowie



relevante Zulieferer regelmäßig zu überprüfen, um im Ernstfall schnell agieren zu können.




Die eigene IT-Landschaft als potenzielle Risikoquelle



Dieses Bewusstsein gewinnt vor dem Hintergrund zunehmender technologischer Abhängigkeiten noch mehr an Relevanz. Denn auch in der eigenen IT-Landschaft entstehen über Jahre Strukturen, die sich nicht kurzfristig ersetzen lassen. Mit Blick auf  SAP-Anwender sind das zum Beispiel: ein ERP-Kern, ein einzelner Hyperscaler, eine bestimmte Cloud-Region (Standort des Rechenzentrums des Hosters) oder ein hochspezialisierter Softwareanbieter – auch das zählt jeweils als Single Source. Die Wechselkosten sind hoch, die Integration der Systeme, Anwendungen und Prozesse komplex – und das nötige Knowhow steckt oft in wenigen Köpfen.



Damit stellen sich in der Debatte um digitale Souveränität im Kern dieselben Fragen wie im Kontext der Lieferkette:




Wie groß ist unser „Klumpenrisiko“?



Wo sind wir über die Zeit in eine Abhängigkeit hineingewachsen?



Wie schnell sind wir handlungsfähig, wenn sich Rahmenbedingungen ändern?




Dabei geht es um mehrere Ebenen: Datenstandorte, rechtliche Vorgaben, den operativen Betrieb sowie die technische Kontrolle über die eingesetzten Plattformen.



Also etwa, wenn der Cloud-Anbieter ausfällt, regulatorische Vorgaben den Betrieb in bestimmten Regionen einschränken oder Exportkontrollen den Zugriff auf kritische Technologien begrenzen. So kann die Abhängigkeit von Softwareplattformen oder zentralen Kernsystemen im Ernstfall dazu führen, dass Unternehmen nicht mehr frei über ihre Prozesse und Daten verfügen können.



Auch die Antworten auf diese Fragen ähneln denen der Lieferkettenproblematik: So wie ein modulares Produktportfolio Unternehmen in der Beschaffung flexibel macht, sorgt eine modulare, standardisierte Architektur in der IT für mehr Flexibilität. Ein sauberer ERP-Kern – Stichwort Clean Core –, offene Schnittstellen, portierbare Daten und sauber dokumentierte Prozesse sind das digitale Pendant zum qualifizierten Zweitlieferanten. Sie schaffen die Voraussetzung, um im Bedarfsfall überhaupt eine Wahl zu haben.



Künstliche Intelligenz schafft neue Abhängigkeiten



Mit dem rasant steigenden Einsatz künstlicher Intelligenz erhält das Thema digitale Souveränität eine weitere Dimension. Unternehmen integrieren Sprachmodelle und KI-Agenten beispielsweise mittels SAP Business AI zunehmend in ihre Geschäftsprozesse. Sie automatisieren Abläufe, lassen sich bei Entscheidungen unterstützen und beschleunigen die Entwicklung neuer Produkte und Dienstleistungen.



Wie schnell daraus ein strategisches Risiko werden kann, zeigte der Fall Anthropic im Juni 2026: US-Behörden wiesen das KI-Unternehmen an, sein neuestes Modell für Nicht-US-Bürger  zu blockieren – aus Gründen der nationalen Sicherheit. Die Firma reagierte – und sperrte den Zugang zu seinen  fortschrittlichsten KI-Modellen weltweit.



Inwiefern nationale Sicherheit hierbei tatsächlich eine Rolle gespielt hat, sei dahingestellt. Fakt ist aber, dass der Vorgang ein grundlegendes Problem demonstriert: Unternehmen haben keinen Einfluss darauf, ob leistungsfähige KI-Modelle verfügbar bleiben, eingeschränkt oder nur bestimmten Nutzergruppen zugänglich gemacht werden.



Bedenkt man, dass Hersteller wie SAP einen großen Teil der neu angekündigten Business AI Platform auf genau diesem Anbieter aufbauen, stellt sich – wie in vielen anderen Fällen auch – die Frage: Wie unabhängig sind wir wirklich? Und: Gibt es im Fall der Fälle einen Plan B?



Es geht nicht mehr allein um Datenstandorte, Cloud-Infrastrukturen oder Software-Plattformen. Erfolgsentscheidend wird zunehmend, wer den Zugang zu KI-Systemen kontrolliert, unter welchen Bedingungen sie genutzt werden dürfen und wie schnell sich diese Rahmenbedingungen ändern können.



Resilienz schlägt reine Effizienz



Damit verschiebt sich der Maßstab. Über Jahre war Effizienz für Unternehmen das oberste Gebot: Bestände runter, Just-in-Time hoch, Lieferantenzahl reduzieren, IT-Landschaft konsolidieren. Jeder dieser Punkte ist nachvollziehbar, macht die Systeme in Summe aber auch verletzlicher.



Genau deshalb reicht der Blick auf Effizienz allein heute nicht mehr aus – und Resilienz wird immer wichtiger. Wenn Lieferketten reißen, geopolitische Entscheidungen Märkte verändern oder der Zugang zu digitalen Technologien eingeschränkt wird, entscheidet nicht mehr die schlankste Struktur über den Erfolg, sondern die anpassungsfähigste.



Am Ende geht es weder um vollständige Autarkie noch um die Illusion, Risiken vollständig auszuräumen. Unternehmen werden auch künftig auf Lieferanten, Technologien und Partner angewiesen sein. Entscheidend ist aber, diese Abhängigkeiten bewusst zu gestalten, statt sich von ihnen überraschen zu lassen. Wer seine kritischen Schnittstellen kennt, Alternativen vorbereitet und Handlungsspielräume erhält, verbindet Effizienz mit Widerstandsfähigkeit. Genau daraus entsteht, worauf es in unsicheren Zeiten ankommt: Entscheidungsfreiheit. (mb)

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